Paris wird immer Paris sein

„Paris wird immer Paris sein“ sang Maurice Chevalier 1939. Der Kabarettsänger war optimistisch, dass der herannahende Zweite Weltkrieg die Stadt nicht zerstören könne. 66 Jahre später spukt der Chanson-Text nun seit Tagen in meinem Kopf rum. Jetzt, im Zug auf dem Weg in die Stadt der Liebe, fast drei Wochen nach den terroristischen Anschlägen, frage ich mich, ob Maurice Chevalier Recht hat. Gibt es nichts, was die Stadt verändern könnte? Nichts, was sie ins Dunkel treibt, aus dem sie nicht herauskommt?

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Mein Herzschlag in der Stille

„Ich bin noch nicht bereit, mich von Georgien zu verabschieden.“, sage ich am offenen Fenster stehend und blicke ins nächtliche Tiflis hinaus. Die Stadt ist in Stille gehüllt. Die Lichter der Häuser und Straßen bilden eine Karte, fordern mich auf, mein Leben darauf zu zeichnen. Weiterlesen

Ruhe, Schnee und Leichtigkeit im Großen Kaukasus

Während ich nach fast neun Monaten endlich wieder meine Reisesachen zusammen suche und abwäge, was ich wirklich davon für ein verlängertes Wochenende in Venedig brauche, fällt mir mein kleines Reisetagebuch aus Aserbaidschan und Georgien in die Hände. Ich fange an zu blättern und da sind sie: die schönen, lustigen oder auch aufregenden Erinnerungen. Weiterlesen

Wenn Zugreisen zum Politikum werden

„Sie wussten es. Es musste so sein, dass sie es raus gefunden hatten. Sie hatten die Schlagzeilen über Asylsuchende gesehen und nun wussten sie, dass er einer der Verdammten war. Obinze versuchte sich an Geschichten von Menschen zu erinnern, die entdeckt und abgeschoben worden waren, aber sein Kopf war leer. Er fühlte sich nackt.“[1]

Ein lautes „Stopp“ lässt mich von meinem Buch aufschrecken. Drei Jungen, die ihrem Aussehen nach vielleicht aus dem Nahen Osten kommen, laufen an meinem Platz vorbei. Ein Polizeibeamter folgt ihnen. Ich bin im Zug kurz vor der österreichisch-italienischen Grenze. Und irgendwie mitten in einem schlechten Polizeifilm gelandet. Weiterlesen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte // A picture is worth a thousand words

Warum viel schreiben, wenn ich euch meinen Freiwilligendienst auch in bewegten Bildern zeigen kann. Ich präsentiere euch also ganz offiziell mein (Werbe-)Video für einen Freiwilligendienst in Aserbaidschan.

Why write if I can show you my voluntary service in living pictures. Therefore, I present you officially my (advertising) video about a voluntary service in Azerbaijan.

Nur manche Zahlen haben einen Wert

Aserbaidschan. Ein Wort. 13 Buchstaben. Und jedes Mal, wenn ich sie ausspreche, formen sich Erinnerungen in meinem Kopf. Musik und Klänge erwachen zu einer Geräuschkulisse und ziehen mich wieder in ihren Bann. Neun Monate waren es insgesamt, die ich als Europäische Freiwillige in Ganja, der zweitgrößten Stadt Aserbaidschans im Westen des Landes, verbracht habe. Monate, in denen ich in der Jugendorganisation „Bridge to the Future“ deutsche und englische Sprachkurse gegeben, Youth in Action-Projekte durchgeführt, Bewerbungstrainings veranstaltet und Aserbaidschanisch gelernt habe. 39 Wochen gefüllt mit Lachen, Verzweiflung, Grenzerfahrungen, neuen Freundschaften und viel Tanzen. 273 Tage, in denen ich versuchte, die aserbaidschanische Kultur zu verstehen und einen Balanceakt zwischen Akkzeptanz und alternativer Lebensweise vollführte. Weiterlesen

WETTBEWERB 2014: Geduldet und abgeschoben

Anm.: Die Jugend-Blogger-Plattform „Youthreporter.eu“ veranstaltet gerade einen Wettbewerb zum Thema „Fremd in Europa“. Ich habe mit dem hier veröffentlichten Text daran teilgenommen. Es ist eine Mini-Kurzgeschichte über eine Roma-Mädchen, das mit ihren Eltern von Deutschland in den Kosovo abgeschoben wurde. Wenn dir der Text gefällt, würde ich mich freuen, wenn du schnell zu Youthreporter rüber surfst und meinen Text dort bewertest (bis 30. September 2014). Und weil ich es so einfach wie möglich halten möchte, gebe ich dir hier gleich den Link mit: http://www.youthreporter.eu/wettbewerb-2014/geduldet-und-abgeschoben.10599/

„Enisa, kannst du Holz holen? Es wird langsam kalt draußen. Wir wollen den Ofen anmachen.“

Enisa schaut ihre Mutter an. Langsam steht sie auf, um raus zu gehen. Es war anscheinend ihre neue Aufgabe, das Holz zu hacken und ins Haus zu bringen. An der Tür zieht sie die viel zu großen Gummistiefel an, damit ihr eigenes Paar Schuhe, das sie aus Deutschland mitgebracht hat, nicht schmutzig wird. Der Schlamm vor dem Haus ist mehr geworden. Es hat die letzten Tage viel geregnet. Sie nimmt die Axt in die Hand und beginnt die Holzstücke klein zu hacken. Wie konnte das passieren? Noch vor zwei Wochen war sie mit ihren Freundinnen im Shoppingcenter in Deutschland und ihr größtes Problem war es gewesen, dass sie zwei Paar Ohrringe gut fand, aber sich nur eins leisten konnte. Jetzt fühlte sich alles soweit weg an. Und Deutschland, ihr zu Hause, erschien ein entfernter Traum, aus dem sie jäh erwacht war. Weiterlesen

„So, how was it?“

Note: I wrote this article originally for my German sending organisation „European Intercultural Forum e.V.“. You can find this as well as other interesting articles from volunteers in Georgia and Armenia on their homepage. Just click here.

„Well, how was it?“ This question. Which I expected, which I somehow feared, leaves me speechless now. How can I put my last nine months into words? And how can I summarise them without going beyond the boundaries of time? I could spend hours describing my experience in Azerbaijan as a European volunteer. But I assume that nobody wants to listen for such a long time. I have tons to talk about but everything is unorganised in my head. The impressions are still recent. And I haven’t had a lot of time to reflect and somehow organise my experiences since I’m back home. That’s why I try to come up with a short answer to the question. One that satisfies my counterpart. Maybe I can even find an answer that could lead to a more precise inquiry. And because I believe that experience can be best explained with little anecdotes and snapshots in time, I ponder about which story would give a proper insight into my life in Azerbaijan to my counterpart. Weiterlesen

„Und, wie war’s?“

Anm.: Diesen Artikel habe ich für meine deutsche Sendeorganisation „European Intercultural Forum e.V.“ geschrieben. Ihr findet diesen sowie weitere spannende  Artikel von Europäischen Freiwilligen in Georgien und Armenien auch auf ihrer Homepage. Klickt einfach hier.

„Und, wie war es so?“ Diese Frage. Die ich erwartet, die ich befürchtet hatte, lässt mich trotzdem sprachlos werden. Wie soll ich meine letzten neun Monate in Worte fassen? Und wie soll ich sie in Worte fassen, die nicht den Zeitrahmen sprengen? Ich könnte Stunden damit zu bringen, meine Erfahrungen als europäische Freiwillige in Aserbaidschan zu beschreiben. Aber ich gehe davon aus, dass kein Mensch so lange zu hören möchte. Ich hätte so viel zu erzählen, aber in meinem Kopf ist alles noch so ungeordnet. Die Eindrücke sind noch zu frisch. Und seitdem ich wieder zu Hause bin hatte ich auch wenig Zeit, meine Erfahrungen zu reflektieren und irgendwie zu ordnen.  Also versuche ich mir schnell eine kurze Antwort auf die Frage einfallen zu lassen. Eine, die meinen Gegenüber zufrieden stellt. Vielleicht sogar eine Antwort, die eine konkretere Nachfrage meines Gegenübers nach sich zieht. Und weil ich glaube, dass Eindrücke am besten über kleine Anekdoten und Momentaufnahmen vermittelt werden können, überlege ich, welche Geschichte meinen Gegenüber einen passenden Einblick in mein Leben in Aserbaidschan geben könnte. Weiterlesen

10 Things You Should Pack For A Volunteering Year in Azerbaijan

While I spend the last weeks of my volunteering service in a spiral of events, work, and emotions, memories start to form themselves and I somehow become almost nostalgic. Saying goodbye to friends with whom I experienced a lot, who supported me as well as I supported them emotionally during this adventure is not easy at all. And it somehow feels surreal too. Is is really time? Do I leave the Caucasus and give up uncertainty and excitement for a bit of luxury in Germany? This, of course, doesn’t mean that I don’t have a lot of moments in which I’m endlessly happy about returning home. In those moments I cannot wait to finally get on the plane and be gone. Anyway, this is not what this blog post should actually be about… Somehow I shortly got lost in thought. I’ve often thought during my last months here that I wished to have packed certain things. Or I uttered a lot of grateful words for bringing something to Ganja. Or I “ordered” something. Which meant that people from Germany brought along some of the things I had been missing deeply. That’s why I thought to put a list for future generations of volunteers together of things I consider important for a survival in Azerbaijan. A lot on this list probably counts for the other countries in the (South) Caucasus too. Weiterlesen

10 Dinge, die mensch für ein Freiwilligenjahr in Aserbaidschan mitbringen sollte

Während ich die letzten Wochen meines Europäischen Freiwilligendienst in einer Spirale von Ereignissen, Arbeit, und Emotionen verbringe, fangen Erinnerungen an sich zu formen und ich werde fast schon nostalgisch. Auf Wiedersehen sagen zu Freund*innen, mit denen ich so viel erlebt habe, die mich so wie ich sie in diesem Abenteuer emotional stark unterstützt haben, ist nicht einfach. Und es fühlt sich auch ein bisschen surreal an. Ist es wirklich soweit? Verlasse ich wirklich den Kaukasus und gebe Ungewissheit und Aufregung für Luxus in Deutschland auf? Das soll natürlich nicht heißen, dass ich nicht auch viele Momente habe, in denen ich mich unendlich freue, wieder nach Hause zu kommen und es kaum erwarten kann. Aber darum geht es eigentlich gar nicht… Irgendwie bin ich kurz von meinem eigentlichen Thema abgekommen: Ich habe mir in den letzten Monaten immer mal wieder gedacht, dass ich das ein oder andere gerne für mein Abenteuer in Aserbaidschan eingepackt hätte. Oder ich habe viele, viele dankbare Worte von mir gegeben an Sachen, die ich schlauerweise eingepackt hatte. Oder ich habe „Bestellungen“ aufgegeben. Also haben Menschen aus Deutschland mir ein paar Dinge mitgebracht, die ich schmerzlich vermisst hatte. Daher habe ich mir überlegt, für zukünftige Generationen an Freiwillig*innen eine kleine Liste an Dingen zu erstellen, die ich persönlich für sehr wichtig halte für ein (Über-)Leben in Aserbaidschan. Vieles ist sicherlich auch für die anderen Länder im Kaukasus übertragbar. Weiterlesen

The Destination is Nothing, the Motion is Everything

The rays of sunshine tickle my face and the wind whirls my hair, which happens to have almost magically grown too long, around. The Azerbaijani people around me discuss noisily living costs while the music from my MP3 player tries in vain to drown their conversation. The Caucasian landscape and houses fly past me and for a short moment I feel overwhelmed with happiness. The moment is quickly interrupted when an Azerbaijani closes the window of the marshrutka. Somehow, Azerbaijanis but also Georgians are not really fans of fresh air in the bus. The wisp of wind could maybe cause a cold for one of the people in the bus. I stare at the closed window and ask myself if I might achieve to open the window again by simply just using my will power. Weiterlesen

Das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles

Die Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht und der Wind lässt meine mittlerweile viel zu lang gewordenen Haare fliegen. Die Aserbaidschaner*innen um mich herum diskutieren lautstark über Lebenshaltungskosten während die Musik aus meinem MP3-Player vergeblich versucht, sie zu übertönen. Die kaukasische Landschaft und Häuser fliegen an mir vorbei und für einen kurzen Augenblick empfinde ich mit jeder Faser meines Körpers Glück. Der Moment wird jäh unterbrochen, als ein Aserbaidschaner das Fenster der Marschrutka zu macht. Irgendwie sind Aserbaidschaner*innen, aber auch Georgier*innen, keine Anhänger von Frischluft im Bus. Der Windhauch könnte ja dazu führen, dass mensch sich erkältet. Ich starre das geschlossene Fenster an und frage mich, ob ich mittels Gedankenkraft es wieder öffnen könnte. Weiterlesen

Everything is Illuminated

The Caspian Sea stretches out into an endless vast in front of the window of the marshrutka. A vast which is interrupted from time to time by unfinished buildings and upscale houses. Or walls that only hide stone beaches and the sea. The metal back of my chair pierces in my back. And exactly at the right moment, as if he knew it, the first sounds of James Blunt’s ‚Face the sun‚ start in my MP3 player. The first high rises appear at the horizon just as the music swells. After a five hours ride in the marshrutka, Baku seems within our reach. I know that it will still take a while until we reach the central bus station. But an end to the marhsrutka ride is foreseeable.  I wake my sister who has been sleeping next to me and point with my hand in the direction of the high rises. Immediately, she starts beaming with joy and smiles at me with pleasant anticipation. I know what she expects from Baku. She had googled a bit before her trip to the Caucasus and had seen some photos. But I know too that she won’t only see the Baku that was displayed in the internet. Weiterlesen

Alles ist erleuchtet

Das Kaspische Meer zieht sich in eine endlose Weite vor dem Fenster der Marschrutka. Eine Weite, die ab und an von Bauruinen oder edlen Häusern verdeckt wird. Oder Mauern, hinter denen sich nichts verbirgt außer Steinstränden und dem Meer. Die Metalllehne meines Sitzes bohrt sich in meinen Rücken. Und genau zur richtigen Zeit, als hätte er es erahnt, ertönen die ersten Klänge von James Blunts ‚Face the sun‚ in meinem MP3-Player. Mit dem Ansteigen der Musik erscheinen die ersten Hochhäuser am Horizont. Nach fünf Stunden Fahrt ist Baku fast schon zum Greifen nah. Ich weiß, dass es von hier noch eine Weile dauern wird, bis wir endlich den Busbahnhof erreicht haben. Aber ein Ende der Marschrutkafahrt ist absehbar. Ich wecke meine Schwester, die neben mir schläft und deute mit meiner Hand Richtung Hochhäuser. Ihre Augen erhalten sofort einen strahlenden Glanz und sie lächelt mich voller Vorfreude an. Ich weiß, was sie von Baku erwartet. Sie hat vor ihrer Reise in den Kaukasus ein bisschen gegoogelt und sich Fotos angeschaut. Ich weiß aber auch, dass sie nicht nur das Baku sehen wird, dass im Internet abgebildet ist. Weiterlesen